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Gibt es den perfekten Masterplot?

Du möchtest dich im Schreiben üben? Vielleicht eine Kurzgeschichte für den Start? Dann kann es sich lohnen, sich von ewigen Geschichten wie Märchen oder Sagen inspirieren zu lassen. Ihre Dramaturgie funktioniert zuverlässig und bietet dir genug Freiraum, eine eigene Geschichte zu erzählen. Was uns direkt zu der Frage führt: Ist es nicht ohnehin so, dass wir uns immer die gleichen Geschichten erzählen? Ein Beitrag zum Thema Masterplots. (Fotos: Wix)


Gibt es Masterplots? Also Geschichten, denen wir nicht widerstehen können? Gibt es Plots, die die Essenz des Menschseins enthalten? Die wir intuitiv verstehen und von Generation zu Generation weitererzählen?

Sagen wir mal so: Jeder der sich davon überzeugen will, dass wir Menschen empfänglich für die immer gleichen Storytelling-Muster sind, muss sich nur mal Reality TV einschalten. Da sehen wir den Auswanderern und Ballermann-Sängern der Nation dabei zu, wie sie als tragische Helden nach Ruhm und Ehre streben und dabei immer tiefer fallen. Wir leiden mit ihnen und sich doch gleichzeitig heilfroh, ganz normale Menschen zu sein. Der Fall des Helden - das ist nichts anderes als die antike Tragödie. Was 600 Jahre vor Christus schon Volkes Liebling war, ist es bis heute.

Masterplots sind zeitlos - Odysseus geht heute durch alle Instanzen


Es gibt noch mehr solcher Muster, die wir seit Jahrtausenden kennen und immer noch reproduzieren. Allen voran ist das wohl der Held, der in die Welt hinauszieht und verändert zurückkehrt wie Odysseus. Und natürlich die Geschichte des Unterlegenen, der vielleicht gar nicht kämpfen will, und dann doch überraschend siegt wie David gegen Goliath. Und natürlich ist da die Geschichte von Aufstieg und Fall wie bei Prometheus, Siegfried und Achilles.


Das alles sind alte Geschichten, die nichts von ihrer Tragik und ihrer Emotionalität eingebüßt haben. Sie sind zeitlos, kommen immer wieder im wahren Leben vor und können zu allen Zeiten adaptiert werden, ohne an Authentizität zu verlieren. Goliath kämpft heute nicht mehr gegen einen Riesen, sondern gegen Großkonzerne. Odysseus fährt nicht mehr übers Meer, sondern geht durch alle Instanzen der Justiz. Prometheus wird zu Frankenstein.


Kurt Vonnegut hat den westlichen Geschichten-Schatz auf 6 Masterplots reduziert

Der US-Schriftsteller Kurt Vonnegut vertrat die These, dass es gerade einmal sechs emotionale Geschichtenmuster gibt, die sich in allen Geschichten wiederholen. Es gibt auch noch andere Vertreter, die sich mit der Masterplot-Theorie einen Namen gemacht haben und sehr viel genauer auf den konkreten Aufbau der Plots eingehen. Einer von ihnen ist Ronald B. Tobias der 20 Masterplots identifiziert haben will. Und tatsächlich: Jedem fleißigen Leser und Kinogänger kommen diese Plots mehr als bekannt vor. Die sechs Masterplots von Kurt Vonnegut sind dagegen sehr knapp formuliert:

  1. vom Tellerwäscher zum Millionär – stufenweiser Aufstieg bis zum Gipfel

  2. vom Millionär zum Tellerwäscher – stufenweiser Abstieg

  3. Ikarus – erst Aufstieg, dann Fall

  4. Ödipus – Fall, Aufstieg, Fall

  5. Cinderella – Aufstieg, Fall, Aufstieg

  6. Mann im Loch – erst Abstieg, dann Aufstieg

Wissenschaftler der Washington State University haben 1700 Geschichten der westlichen Welt mittels Text-Mining analysiert und sind zu der Überzeugung gekommen, dass Vonneguts Theorie stimmt. Im nächsten Schritt könnte man Überlegungen anstellen, wie künstliche Intelligenz bei der Erschaffung perfekter Geschichten helfen könnte.

Erzeugen Masterplots perfekte Geschichten?


Perfekte Geschichten? Moment! So wie perfekte Popsongs, die inzwischen nach Algorhithmen erstellt werden? Wollen wir so etwas Magisches wie ewige Geschichten in wissenschaftliche Formeln der westlichen Welt gießen? Oder besteht nicht darin die besondere Rolle von Literatur: Wir setzen uns an den Rechner mit allem was wir wissen und allem was wir fühlen, legen einen gute Song auf und warten ab, was passiert.

Apropos, nach all der Analyse der letzten Wochen hätte ich noch ein besonderes Schmankerl in einem nächsten Beitrag für euch: Nonsens-Plots am Beispiel von Big Lebowski.


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