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  • AutorenbildVera Zischke

Grundwissen für Autoren: Wie schreibe ich über Schicksale?

Aktualisiert: 28. Nov. 2022

Im Internet findet man Vlogs, Blogs und Bubbles zu jedem Thema. Muss man da eigentlich noch direkt mit Menschen sprechen? Oder kann man sein Buch nicht auch schon so schreiben? Wie ihr nicht irgendwelche Informationen bekommt, sondern genau die richtigen, erfahrt ihr hier in der Reihe "Recherche für AutorInnen".

Je nachdem welcher psychologischen Theorie man folgt, haben wir Menschen 4 bis 7 Grundgefühle. Angst, Freude, Trauer und Wut werden immer erwähnt. Liebe komischerweise nicht. Nun gut, gehen wir davon aus, dass unsere Gefühle universell sind und wir sie alle am eigenen Leib gespürt haben. Können wir als AutorInnen uns dann nicht in alles hineinfühlen? In jede Rolle schlüpfen?


Immerhin bedienen wir uns beim Plotten gern aus dem großen Baukasten des Lebens. Wir erfinden Kindheitstraumata, um zu erklären, warum unser Protagonist ein Einzelgänger ist. Wir nutzen Krankheiten und Schicksalsschläge, damit unsere Protagonisten zu großen Einsichten kommen und ihr Verhalten ändern.




Wenn wir schreiben, werden aus Character Traits und Backstorys lebendige Wesen


In der Planung unserer Geschichte sind das Backstorys, Character Traits oder Turning Points. Wenn wir schreiben, werden daraus lebendige Wesen und Schicksale, die berühren. Und dann stellen wir fest: Trauer ist nicht gleich Trauer. Die Großmutter zu verlieren ist etwas anderes, als den Suizid des besten Freundes zu verarbeiten. Die Liebe zu einem Kind ist anders als die Liebe zu den eigenen Eltern.


Nun könnte man sagen: Kein Problem, im Internet findet man Berichte über alles. Liest man sich halt mal einen Blog zum Thema Trauer durch. Und dann stellen wir fest: Wie jemand mit einem Schicksalsschlag umgeht, hängt auch davon ab, wie er/sie bislang durchs Leben gekommen ist, wie er/sie psychisch aufgestellt ist und ob er/sie finanziell abgesichert lebt.


Wie fühlt es sich an, wenn sich die Zellentür schließt?

Menschen und ihr Empfinden sind höchst individuell. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir unsere Charaktere kennen und wissen, wie sie persönlich in einer gewissen Situation reagieren.


Und dann gibt es besondere Lebenssituationen, die kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen, egal wie gut man seine Figuren kennt. Wie fühlt es sich an, wenn sich die Zellentür im Gefängnis schließt? Wer informiert einen, wenn der Partner im Auslandseinsatz stirbt? Was passiert nach einer Krebsdiagnose?


In diesen Fällen geht nicht nur um das Gefühl. Es geht auch darum, aus Respekt vor den Betroffenen die Fakten klarzukriegen und keine falschen Stereotype zu reproduzieren. „Wie recherchiert man Schicksale mit Fingerspitzengefühl?“, habt ihr mich gefragt, als ich diese Rubrik ins Leben gerufen habe. Konkret ging es dabei, Kontakt zu Betroffenen aufzunehmen und in den Austausch zu gehen. Das Thema besteht für mich aus 3 Komponenten, die ich in einzelnen Beiträgen angehen werde.

Die 3 Themen für 3 Beiträge sind:

Grundsätzlich möchte ich euch Mut machen, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Ganz besonders zu Menschen, denen nicht oft zugehört wird. Es geht dabei nicht darum, die Worte dieser Menschen in euren Bücher 1:1 wiederzugeben. Ihr werdet auch nicht immer objektive Wahrheiten erfahren. Es geht darum, aus euren Denkwelten herauszukommen und durch andere Augen zu sehen.


Viele Menschen freuen sich, wenn sie im Recherche-Gespräch endlich einmal frei reden können

Als Journalistin habe ich im Gefängnis mit einem verurteilten Betrüger gesprochen, der den Großteil seines Erwachsenenlebens hinter Gittern verbracht hat und über seine kriminelle Ader sprach als wäre sie ein schlecht gewählter Freund, der ihn immer wieder in Schwierigkeiten brachte. Als hätte er selbst gar kein Mitspracherecht.

Ich habe eine Familie besucht, in der der Vater seit einem Autounfall im Wachkoma liegt. Zwei Söhne starben bei dem Unfall, der dritte ist seitdem gelähmt. Die Wohnung war kein trauriger Ort, sie war ein sehr gut beschützter Raum.


Habt keine Angst Menschen anzusprechen, deren Schicksale die meisten anderen nur aus der Zeitung kennen. Je besonderer ein Schicksal ist, desto weniger Menschen finden sich, die einfach mal zuhören.


Weitere Themen aus der Reihe "Recherche für AutorInnen" sind:

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