
Liebe Schreiberseele,
ich muss mich entschuldigen. Mein letzter Brief vom 1. Mai an dich… du musst dich gefragt haben, wann ich so eine verwöhnte Göre geworden bin, die sich ernsthaft beklagt, dass sie immer so allein ist, wenn der Anruf von der Filmlizenzabteilung ihres Verlags kommt. Die Erfolge auflistet wie ein alternder Chauvie, der versucht, sich selbst mit sich selbst zu beeindrucken. Tja, und dann kam die Spiegel-Bestsellerliste… Und am Ende schloss ich nach dem Motto Aber wahrer Erfolg findet im Herzen statt und verwandelte mich vermutlich vor deinen Augen zum Abreiß-Kalenderblatt.
Ich kann das erklären. Also, besser erklären als in meinem letzten Brief. Ich bin in den vergangenen Wochen dermaßen mitgerissen worden von den vielen Reaktionen und vermeintlich erreichten Meilensteinen, dass ich mir vorkam wie ich selbst, die sich selbst spielt.
Bis meine älteste Freundin Noelle, die mich seit 40 Jahren kennt und leider viel zu weit weg von mir lebt, sich plötzlich mit ihrem untrüglichen Gespür meldete und fragte: Sag mal, geht es dir gut? Natürlich, bemühte ich mich schleunigst zurückzuschreiben. Hervorragend! Alles super! Na ja, und dann nahm ich eine längere Sprachnachricht auf, die man auch in einem Satz hätte zusammenfassen können: Ich bin lost.
Drei bis vier weitere Schlagabtausche mit ihr hatte ich raus, was genau passiert war: Das kreative Schreiben ist anders, als alles andere in meinem Leben. Es funktioniert anders als alles, was ich sonst tue. Und es spricht einen anderen Teil meiner Persönlichkeit an, vielleicht meiner Seele. Und doch drohe ich, in alte Muster abzurutschen, zu funktionieren, die Künstlerin der Musterschülerin zu opfern.
Ich bin ein gut gedrilltes Kind der Leistungsgesellschaft. Der Leitspruch meines Vaters war „mit uns kann man arbeiten“. Das bedeutete so viel wie: Wir enttäuschen nie, wir liefern ab - überpünktlich und ganz egal, wie sehr wir uns dafür schinden müssen. Und weil ich meinen Vater sehr geliebt habe, habe ich seine Worte seeeehr ernst genommen. Mit diesem Leitspruch bin ich ins Studium gegangen und vor allem in den Beruf der Journalistin. Ein Arbeitsfeld, in dem mir beim ersten Bewerbungsgespräch direkt gesagt wurde, dass es zu viele von mir gibt und ich vermutlich (es waren die 2000er) niemals eine Festanstellung bekommen würde. Natürlich nahm ich mir vor, nicht nur eine Festanstellung zu bekommen, sondern es bis in die Politikredaktion zu schaffen. Zehn Jahre später war ich genau da - und ging am Rande des Burnouts in meine erste Elternzeit.
Ich liebe meinen Beruf, aber ich habe nichts für diese Liebe getan. Ich habe auf objektive Leistungsmaßstäbe gesetzt. Ich habe jeden Auftrag, jeden Job angenommen, habe jede Chance genutzt, mich unter Beweis zu stellen, aber ich habe mich nie gefragt: Was möchte ich? Was tut mir gut? Was hilft mir, meine Persönlichkeit in eine Richtung zu entwickeln, die mich zu einem klügeren, gütigeren, achtsameren Menschen macht? Es waren meine Zwanziger und Dreißiger, Herrgott. Woher sollte ich es besser wissen?
Das literarische Schreiben war meine erste große Liebe, bevor ich Journalistin wurde. Als ich ihr mit Anfang 40 wieder begegnete, war sie so anders als alles, was ich in der Zwischenzeit erlebt hatte. So kostbar, so wenig am Funktionieren interessiert, sie war einfach nur mein süßes Geheimnis. Und sie half mir, ein mit mir und der Welt verbundenerer Mensch zu sein. Das hier ist für mich, versprach ich mir. Oder wie es Liz Gilbert so treffend zusammenfasst: „Wir benötigen alle eine Betätigung, die über das Alltägliche hinausgeht und uns unserer etablierten und einengenden gesellschaftlichen Rollen enthebt (Mutter, Angestellter, Nachbarin, Bruder. Chefin usw.).“
Ich habe mir damals mit Anfang 40 versprochen, dass ich es mit dem kreativen Schreiben anders halte als mit dem Journalismus, weil ich etwas anderes darin suche und ich Gott sei Dank diesmal nicht gleich eine ganze Existenz darauf aufbauen muss. Mein Schreiben macht mich freier statt mich einzuengen. Meine Freundin Noelle erinnert mich daran, dass das im Umkehrschluss aber auch bedeutet: „Es muss auch mal floppen dürfen.“
Ich wollte doch nur schreiben, sagen viele Autorinnen angesichts des Marketing-Aufwandes oft. Ja, genau. Das ist vielleicht unsere wichtigste Aufgabe. Unser freies, kreatives, magisches Schreiben zu schützen, zu verteidigen, wenn es sein muss - gegenüber unseren anderen Rollen, gegenüber unserem Leistungsanspruch, dem inneren Imposter und der Erwartungshaltung von außen. Was das für mich bedeutet? Ich habe meinen Verlag gebeten, die Deadline für Roman 3 aufzuheben. Ich habe auch darum gebeten, einen ganz anderen Roman zu schreiben als ursprünglich geplant. Einen, der jetzt gerade geschrieben werden will. Ich werde dieses Jahr keine weiteren Lesungen annehmen und demnächst eine Instapause einlegen, um in mein neues Projekt abzutauchen. Und zwischendurch werde ich einfach nichts tun.
Ein kreatives Leben ist ein Leben wider das Leistungsprinzip. Denn Kreativität ist Spielen, oder nicht? Oder wie Liz Gilbert, die so viel weiter ist als ich, in „Big Magic“ schreibt:
„Ich glaube, seine Arbeit von ganzem Herzen zu mögen und zu genießen, ist die einzige wirklich subversive Position, die man als kreativer Mensch heutzutage noch einnehmen kann. Das ist ein richtiger Gangster-Schachzug, denn kaum jemand traut sich überhaupt, laut über kreatives Vergnügen zu sprechen, aus Angst, als Künstler nicht ernstgenommen zu werden. Also sag es. Sei der Spinner, der es wagt, sich zu vergnügen.“ Ich versuch’s, Liz. Versprochen.
Und du? Warum schreibst du? Welche Rolle spielt es in deinem Leben?
Write on - just for the fun of it
Vera